Zum Neubaugebiet-Mittelbuchen

Gregor Wilkenloh  Stavo-Rede am 22.5.18

Politik! Ich poste hier mal meine Rede hin, die ich ganz alleine geschrieben und heute im Stadtparlament, mit hoffentlich nicht zu wackliger Stimme, zum Thema „Neubaugebiet Mittelbuchen“ vorgetragen habe. Ich sach mal, ich hatte schon mehr Applaus…

Sehr geehrte Frau Stadtratsvorsitzende, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Vorab: Ich war auf der letzten Bürgerversammlung zum geplanten Neubaugebiet in Mittelbuchen und ich fand den Umgangston einzelner partikularinteressierter Bungalowbesitzer zum Teil erschreckend.

jedoch:
Mittelbuchen ist der älteste und ländlichste Stadtteil Hanaus. Hier spiegeln sich alle Probleme wieder, die ländliche Gebiete in Deutschland auszeichnen.

Einzig, immerhin, schnelles Internet haben sie, im Gegensatz zu vielen anderen Dörfern, in Mittelbuchen.
Vermutlich ist der Protest der Einwohner gegen das Neubaugebiet auch deshalb in diesem Fall so besonders deutlich wahrnehmbar.

Die Sorgen um ein erhöhtes Kraftfahrzeug-Aufkommen, infolge des neuen Wohngebietes, kann die Alternative Linke Liste nachvollziehen.

Wer in Mittelbuchen kein Auto hat, hat verloren. Spätestens seit Errichten des Supermarkt-Outlets auf Bruchköbels grünen Wiesen, dürfte selbst der Einkauf des Lebensnotwendigsten
zu Fuß für Alte, Junge, Kranke und Nichtautobesitzer nahezu unmöglich geworden sein.

Die einzige Chance, autofrei das infrastrukturell stark ausgedünnte Mittelbuchen zu verlassen, ist ein selten auftauchender, kostspieliger Niederflurbus.

Ich hab das in der RMV-App mal eruiert,
Der Bus braucht von Mittelbuchen zu den Supermärkten, gleich nebenan auf den grünen Wiesen vor Bruchköbel, gerade mal 4 Minuten.
Allerdings fährt er im Bestfall alle halbe Stunde.

Außerhalb der Zeiten, zu denen künftige Mittelbuchener Eigenheim-Besitzer vermutlich arbeiten müssen, fährt er einmal pro Stunde.

Die 4 Minuten Fahrt zum Supermarkt kostet einfach 2 Euro 65.

Liebe Kolleginnen, Kollegen, Altersgenossen und Mittelbuchener, das sind hin und zurück mehr als 10 Mark!

Ein Bezieher von Harz 4 hätte mit der Fahrt zum Aldi seinen täglichen Regelsatz für Lebensmittel bereits um 90 Cent überschritten!

Vermutlich hält sich deshalb ein kleiner Netto-Markt hartnäckig am Ortsrand von Mittelbuchen und vermutlich sind deshalb bei den geplanten 33 Eigentumswohnungen, 81 Reihen- und Doppelhäusern und 8 Einfamilienhäusern auch keine Sozialwohnungen vorgesehen.

Ein nennenswerter Anteil an Sozialwohnungen in Neubaugebieten ist im Übrigen eine Mindestforderung, die wir von der Alternativen Linken Liste an das Mittelbuchener Neubaugebiet, wie auch an jedes andere zukünftige Neubaugebiet, haben, wenn auch vermutlich nicht mit allen Besitzern der anliegenden Bungalows teilen.

Eine Busfahrt von Mittelbuchen in die Hanauer Innenstadt ist tagsüber immerhin jede Stunde möglich, erfordert allerdings ab 18 Uhr die zeitige Bestellung eines Sammeltaxis.

Abends oder am Wochenende, also zu Zeiten, zu denen künftige Mittelbuchener Leistungsträger und ihr Nachwuchs gerne am städtischen Kulturleben teilnehmen möchten, stellt sich die Lage noch fataler dar.
Da derzeit in Mittelbuchen anscheinend kein Bedarf an abendlichen Stadtfahrten besteht, sind diese auch nicht vorgesehen.

Wer über Hanau hinaus womöglich gar in Frankfurt arbeiten oder ausgehen möchte, für den wird’s ohne eigenes Kfz in Mittelbuchen ganz eng.
Die Verbindungen erfordern bis zu 4-maliges Umsteigen, dauern eine bis anderthalb Stunden und kosten zwischen unverschämt und unbezahlbar.

Wir, von der Alternativen Linken Liste sind der Meinung, dass ein modernes Premium-Wohngebiet in unmittelbarer Stadtnähe heutzutage nicht mehr geplant werden kann, ohne sicher zu stellen, das auch Familien und Werktätige, die beschlossen haben, auf den Privatbesitz eines Kraftfahrzeuges zu verzichten, dort leben können.

Als fraktionsloser Stadtverordneter erlaube ich mir kurz zu fantasieren:

Man sollte in Mittelbuchen einen autofreien Ortskern einrichten und so den ländlichen Charme wieder viel mehr in den Focus rücken. Vielleicht könnte der schöne, alte und verkehrsfreie Ortskern, belebt durch Cafes, Restaurants und eine zumutbare Busanbindung, damit sogar zum Naherholungsgebiet für gestresste Hanauer Stadtbürger werden.

Bei allen nötigen Verbesserungen des öffentlichen Personennahverkehrs in Mittelbuchen, ist mir natürlich klar, dass sich die individuellen Mobilitätsbedürfnisse von nur 3500 Einwohnern mit Niederflurbussen á 50 Sitzplätzen nicht wirtschaftlich abdecken lassen.

Könnte man deshalb in Mittelbuchen nicht ideal einen Modellversuch mit einem kostengünstigen Car-Sharing Modell, ganz zukunftsgewandt, am Besten gleich mit Elektroautos, denken?

Das System ist den Hanauern ja, dank Leihfahrrädern, prinzipiell bekannt.

Anders als bei den Kurzstrecken-Fahrrädern in der Stadt würde der Mittelbuchener sein geliehenes Elektroauto allerdings, um nach Hause zu kommen, wieder brav zur Ladestation zurück bringen und müsste es nicht achtlos irgendwo hinwerfen.

Für die anvisierte Zielgruppe der modernen Premium-Mieter könnte ein solch zukunftsweisendes Mobilitätskonzept sicher ein Anreiz sein.

Eines der Hauptargumente der Neubaugebietsgegner, der erhöhte Verkehr und Parkplatzbedarf, würde stark gemindert und vielleicht wäre das sogar für die derzeitigen Anwohner eine interessante Perspektive, die ein wenig für den Zuzug der Fremden entschädigen könnte…


Zurück zur Realität:

Neben der völlig ungeklärten Mobilität, die künftige Mittelbuchener Heranwachsende in ihrer Langeweile förmlich zwingen wird den Anwohnern, wie befürchtet, auf die Nerven zu gehen, finden sich natürlich auch die anderen üblichen Verdächtigen des dörflichen Strukturwandels in Mittelbuchen.

Es ist fraglich, ob der einzige vorhandene Arzt das erhöhte Patientenaufkommen bewältigen kann oder nicht doch lieber die Flucht in ein profitableres Ärztezentrum antritt,

die Kita Plätze werden vermutlich nicht reichen, unter anderem vielleicht auch deshalb, weil eine unterbezahlte Erzieherin, selbst wenn sie direkt neben ihrem Arbeitsplatz wohnt, sich in Mittelbuchen den Luxus eines eigenen Kraftfahrzeuges leisten können muss…

der Wasserdruck reicht vielleicht gar nicht mehr aus, wenn alle gleichzeitig duschen wollen und so weiter und so fort.

Die Einwände sind bekannt und sollten behoben werden, BEVOR nichtsahnende, junge Kleinfamilien in diese feindliche Umgebung gelockt werden.

Bezüglich der Hamster vertraue ich persönlich im Übrigen auf den Gesetzgeber, die obere Naturschutzbehörde und die Hanauer Grünen. Ich hoffe, ich mache da keinen Fehler für den Hamster.

Ich fasse zusammen:
Da die bisherige Planung des neuen Wohnbaugebietes in Mittelbuchen nach unserer Ansicht für die künftigen Bewohner den zwingenden Besitz eines Kraftfahrzeuges voraus setzt, lehnt ihn die Alternative Linke Liste wegen Rückständigkeit ab.

Vielen Dank.

 

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