Leserbrief von Gustav Faschung an den HA

Leserbrief zum Artikel im HA vom 28.12.2015: Wir haben keinen Rechtsruck


von Gustav Faschung

so, so, Herr Bouffier, wir haben hier in Hessen ein Protestpotential und keinen Rechtsruck.

Ausgerechnet der Mann, dessen Rolle im NSU Skandal sehr fragwürdig ist, lässt diese rhetorische Meisterleistung vom Stapel. Ich glaube das Herrn Bouffier sogar, denn wenn man mittendrin ist, trübt das den Blick für die Richtung. Irmer, Steinbach und Konsorten, haben hinreichend bewiesen wie es um ihre Gesinnung steht und ein Rechtsruck nicht nur in der CDU ist deutlich zu erkennen.

Was mir mehr am Herzen liegt, ist das sog. Protestpotential. Es zeugt schon von einer ungeheuerlichen Kaltschnäutzigkeit, als CDU Spitzenpolitiker festzustellen, dass Protestpotential vorhanden ist. Damit stellt Bouffier, sicher ohne es zu beabsichtigen, der Politik, wie sie in den letzten 30 Jahren praktiziert wurde, ein schlechtes Zeugnis aus. Doch an dieser Entwicklung ist nicht alleine die CDU Schuld. Die Grünen haben mitgeholfen dass Herr Bouffier weiter Hessischer Ministerpräsident bleiben kann; Ministerposten sind halt sehr verlockend, um dann ohne weiteres eine Politik a la Kretschmann durchzuziehen. Auch die SPD trägt ihren Anteil daran. Die Verblendung einiger SPD Spitzenpolitiker in Hinblick auf die Agenda 2010, mit ihren neoliberalen Wunschvorstellungen, ist schon erstaunlich, hier hat sich wahrhaft eine Parallelwelt aufgetan; statt Herrn Gabriel in den Allerwertesten zu treten, weil dieser sich beharrlich weigert Millionäre zu besteuern, wird er von den Spitzenpolitikern im Kreis gefeiert. Das ist für mich…tut mir leid das sagen zu müssen, eine Verleugnung der Tatsachen.

Da ist nun das Protestpotential das sog. Prekariat. Menschen die über Jahre in harter Arbeit dafür gesorgt haben dass dieses Land zu Wohlstand kam. Menschen die zu keiner Zeit einen gerechten Lohn bekamen und um die Rente betrogen wurden. Junge Menschen, die auf der Straße sitzen und deren Zukunft Hartz-IV heißt. Da ist natürlich die Verlockung groß, Sündenböcke zu suchen. Ein Boulevardblatt tut da sein übriges und leider muss ich diese Tendenzen auch in manchem Regionalblatt feststellen.

Leider hat sich die Denkart Westdeutschlands in den Köpfen verhärtet nach dem Motto: „Na ja irgendwo wird es schon besser werden oder irgendwer wird es schon richten.“ Vielleicht ist es auch die Resignation, die einen sagen lässt: „Was können wir da schon tun.“ Da hüpft man natürlich rechten Halbwahrheiten drauf. Das begründet sich auch im Versagen der Sozialdemokratie und Gewerkschaften und auch Linke Politiker müssen sich fragen lassen ob intellektuelle Theorien einen Magen füllen können und von einfachen Leuten überhaupt verstanden werden. Jedenfalls, die neoliberal Gesinnten nutzen dies, um die Öffentlichkeit permanent zu täuschen und ich hoffe es werden mehr, die sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen.

Gustav Faschung

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