Leserbrief von Zarife Bulut an den HA

Leserbrief zum Artikel „Hanauer Türke wirbt erfolgreich neue SPD-Mitglieder“ vom HA am 10.12.2015


von Zarife Bulut

Ein Beispiel, das nicht viel lehrt!

Erfolgsgeschichten wie die von Alpay Emetli haben etwas Anrührendes.
Der einstmals abgeschriebene Außenseiter und als Migrantenkind Abgehängte ohne Aussicht und Perspektive, arbeitet sich aus eigener Kraft und mit Hilfe von bekümmerten Lehrern und Beratern vom Hauptschüler zum voll integrierten Doktoranten empor, macht sogar einen Film über einen sozialen Brennpunkt in Hanau, wirbt als Vorzeigeziehkind für die SPD und macht Karriere.

Ein Märchen aus Deutschland!

Da wirbt er für eine Partei, deren Umverteilungspolitik letztlich auch die Ursache für viele gescheiterte Lebenspläne von Migrantenkindern ist. Gemeinsam mit der CDU beharrt die SPD darauf weder eine Vermögens noch eine Sondersteuer für Reiche einzuführen. Diese Haltung der SPD, insbesondere ihres weltfremden Bundesvorsitzenden Gabriel, wird bis in die Kommunalen Ebene von den SPD Verantwortlichen nicht gerne wahrgenommen. Die eigene Karriere in der Partei scheint wichtiger zu sein. Man kann es auch so ausdrücken: Unter den obwaltenden, neoliberalen Verhältnissen kann Herr Emetli wirklich stolz sein auf seinen gesellschaftlichen Höhenflug.

Und die Einheimischen können sich suhlen in dem guten Gefühl: Siehste, wenn man nur will und fleißig ist, schafft auch ein ‚Ausländer‘ (Volksmund, er ist ja Deutscher) das. Die Wirklichkeit ist eine andere und sie wird durch einen solchen Eierkuchenbericht verschleiert und verzerrt.

Wie viele türkische, arabische u.a. Einwanderer und ihre Kinder haben keinen deutschen Pass? Wie viele sind von Anfang an benachteiligt, werden ausgesondert und abgehängt, wachsen in ghettoartigen Quartieren auf, werden in Sonderschulen gesteckt, finden schon auf Grund ihres Namens und ihrer Adresse keine qualifizierende Ausbildung und keinen besser bezahlten Beruf?

Herr Emetli hat einen Film über das Dunlopviertel gemacht. Weiß er, wie hoch dort die Jugendarbeitslosigkeit, die Schulabbrüche sind? Macht er sich Gedanken darüber, welche Gründe das hat und wer in der Politik dafür verantwortlich ist? Das hätte er doch recherchieren müssen für seinen Film!

Aber das braucht er jetzt nicht mehr, er hat ja angedockt bei den Erfolgreichen, den sogenannten Eliten. Er verhält sich mustergültig auf seinem Weg nach oben ganz wie ein Ureinwohner. Das ist sein gutes Recht. Nur leider kommen so viele nicht mit. Allerdings wird sich die Hanauer SPD fragen ob das wohl der Königsweg ist die eigene Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung zurückzugewinnen.

Mit freundlichen Grüßen Zarife Bulut


Teaser online: Hanauer Türke wirbt erfolgreich neue SPD-Mitglieder (HA 09.12.15)

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